Einheiten ansehenFortgeschrittene Brandbekämpfung: Einsatzleitung, Organisation und Brandursachenermittlung (STCW A-VI/3)
Löschwasser, Stabilität und gefährliche Güter
1Die Lektion in einfachen Worten
Löschwasser kann das Schiff kentern lassen. Ladungsbrände können Sondermaßnahmen erfordern. Prüfe vor dem Angriff die Ladungsnotfallhinweise und überwache die Stabilität.
Wasser, das du einbringst
Erfasse zurückgehaltenes Löschwasser: Schlauchzufluss abzüglich Abläufen, abgepumptem Wasser und sonstigen Verlusten einschließlich Verdunstung. Hoch im Schiff hebt es den Gewichtsschwerpunkt (G). Frei bewegliches Wasser auf einem Deck erzeugt zusätzlich einen Effekt freier Oberflächen, der wie eine weitere Anhebung von G wirkt. Beides verringert die metazentrische Höhe (GM), das Maß der Anfangsstabilität. Eine langsam zunehmende, bleibende Schlagseite kann auf einseitig angesammeltes Wasser hinweisen.
Ein Rechenbeispiel
Vier Schläuche liefern jeweils 15 Tonnen pro Stunde. Ohne Abfluss oder andere Verluste bleiben nach zwei Stunden 4 × 15 × 2 = 120 t an Bord. Auf einem Schiff mit 10.000 t Verdrängung liegt dieses Wasser 8 m über G. Dann steigt G um etwa 120 × 8 ÷ 10.120 ≈ 0,09 m. Der Effekt freier Oberflächen ist dabei noch nicht berücksichtigt. Er kann um ein Vielfaches größer sein, wenn sich Wasser über ein breites Deck verteilt. Informiere den Ersten Offizier und plane die Entwässerung frühzeitig.
Wassermengen begrenzen
Wähle Strahlform und Durchfluss nach Brand und Notfallhinweisen zur Ladung. Sprühstrahl bedeutet nicht automatisch weniger Durchfluss. Schließe unnötige Strahlrohre und organisiere frühzeitig die Entwässerung. Halte Speigatten, also Decksabläufe, frei. Nutze tragbare Pumpen oder Ejektoren, durch Treibwasser betriebene Saugpumpen. Halte Fahrzeugdeckabläufe frei. Lass den Maschinenraum Bilgen und Tanks überwachen. Ist die Stabilität gefährdet, kann der Kapitän die Wassermenge reduzieren und mehr Brandschaden hinnehmen, um das Schiff zu retten.
Gefährliche Güter im Brand
Bei verpackten gefährlichen Gütern nach dem IMDG-Code, dem Internationalen Code für die Beförderung gefährlicher Güter mit Seeschiffen, ermittelst du Ladung und Standort anhand von Gefahrgutmanifest und Stauplan. Suche mit der UN-Nummer, der Kennnummer des Gutes, dessen EmS-Codes in Spalte 15 der Gefahrgutliste. Der EmS-Leitfaden mit Unfallbekämpfungsmaßnahmen für Schiffe, die gefährliche Güter befördern, enthält Brand-Unfallmerkblätter F-A bis F-J und Leckage-Unfallmerkblätter S-A bis S-Z. Nutze beide zur Wahl sicherer Löschmittel, Aufbringungs- und Kühlverfahren.
Giftiger Rauch und reaktive Ladung
Brennende Ladung kann giftigen oder ätzenden Rauch freisetzen. Halte ungeschützte Besatzungsmitglieder fern und auf der windzugewandten Seite. Brandabwehrtrupps brauchen Atemschutz und zur chemischen Gefahr passende Schutzkleidung. Gewöhnliche Brandschutzkleidung ist kein Chemikalienschutzanzug. Nutze bei Chemikalienexposition den Leitfaden für medizinische Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Unfällen mit gefährlichen Gütern (MFAG). Manche Ladungen reagieren mit Wasser. Andere, etwa oxidierend wirkende Stoffe, liefern selbst Sauerstoff. Ersticken mit CO₂ wirkt dann nicht. Hole frühzeitig Rat von der Reederei und ihren Fachleuten an Land ein.
2Wichtige Daten
- Anhebung von G
- Gewicht × Höhe über G ÷ neue Verdrängung
- Freie Oberfläche
- Frei bewegliches Wasser senkt GM; breite Decks sind am ungünstigsten
- EmS-Brand-Unfallmerkblätter
- F-A bis F-J
- EmS-Leckage-Unfallmerkblätter
- S-A bis S-Z
- Fundstelle der Codes
- IMDG-Gefahrgutliste, Spalte 15; Ladung anhand der UN-Nummer bestimmen
- Chemikalienexposition
- Medizinischer Erste-Hilfe-Leitfaden für Gefahrgutunfälle (MFAG)
3Kernpunkte
- 1
Über G zurückgehaltenes Wasser hebt G an. Frei bewegliches Wasser erzeugt freie Oberflächen und verringert die wirksame GM.
- 2
Berechne die eingebrachten Tonnen und plane frühzeitig die Entwässerung.
- 3
Passe Durchfluss und Strahlform dem Brand an. Schließe unnötige Strahlrohre und halte Abläufe frei.
- 4
Gefährliche Güter: Ermittle vor dem Angriff die EmS-Brand- und Leckage-Unfallmerkblätter.
- 5
Oxidierend wirkende Ladung liefert selbst Sauerstoff. Ersticken mit CO₂ wirkt bei ihr nicht.
4Häufige Fehler
Falsch: Bei einem großen Brand ist mehr Wasser immer sicherer.
Richtig: Wasser hoch im Schiff und frei auf Decks kann das Schiff zum Kentern bringen. Setze nur die nötige Menge ein und führe sie ab.
Falsch: Bekämpfe einen brennenden Container wie jeden anderen Brand mit Vollstrahlen.
Richtig: Prüfe zuerst Gefahrgutmanifest und EmS. Wähle Löschmittel, Aufbringungs- und Kühlverfahren passend zur Ladung.
5Praxisfall & Prüfungstipps
Nach 90 Minuten Brandbekämpfung im Unterkunftsbereich eines Ro-Ro-Schiffs hat das Schiff 4° Schlagseite nach Backbord, die langsam zunimmt. Wasser läuft über das darunterliegende Fahrzeugdeck. Drei Schläuche liefern noch Wasser, einer davon auf eine bereits kühle Raumbegrenzung.
Antwort zeigen
Alarmiere den Kapitän: Zunehmende Schlagseite ist ein Stabilitätsnotfall. Stoppe nur nachweislich unnötige Wasserabgaben. Erhalte den Schutz des Angriffstrupps und die nötige Kühlung der Raumbegrenzungen. Überwache sie weiter. Räume Fahrzeugdeckabläufe frei, pumpe ab und prüfe mit dem Maschinenraum Bilgen und Tanks. Lass den Ersten Offizier zurückgehaltenes Wasser und freie Oberflächen bewerten. Korrigiere die Schlagseite nicht durch Ballasten, solange die Ursache unklar ist.
Prüfungstipps
- Über G zurückgehaltenes Wasser hebt G an. Frei bewegliches Wasser erzeugt freie Oberflächen und verringert die wirksame GM.
- Anhebung von G = Gewicht × Höhe ÷ neue Verdrängung.
- EmS-Leitfaden: Brand-Unfallmerkblätter F-A bis F-J, Leckage-Unfallmerkblätter S-A bis S-Z.
- Bestimme die Ladung anhand von Manifest und Stauplan. Suche mit ihrer UN-Nummer die EmS-Codes.
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