Einheiten ansehenMedizinische Erste Hilfe (STCW A-VI/4-1): Untersuchung von Verletzten, Gefahren durch giftige Stoffe (MFAG) und der medizinische Leitfaden an Bord
Verletzte untersuchen: Erstbeurteilung, Anamnese und Vitalzeichen
1Die Lektion in einfachen Worten
Erkenne zuerst Lebensgefahren. Untersuche dann den ganzen Körper, erfrage die Vorgeschichte und miss die Vitalzeichen. So habt ihr beim funkärztlichen Gespräch klare Fakten.
Zwei Untersuchungen in fester Reihenfolge
Die Erstbeurteilung (<C>ABCDE, erklärt in Erste Hilfe und Wiederbelebung) erkennt und behandelt Lebensgefahren in den ersten Minuten. Erst wenn diese beherrscht sind, beginnst du die Zweituntersuchung: eine ruhige, vollständige Untersuchung von Kopf bis Fuß, die Anamnese und die erste Messung der Vitalzeichen. Auf See ersetzt sie den ärztlichen Blick, denn an Land kann der Arzt den Patienten nicht sehen. Verschlechtert sich sein Zustand, gehst du jederzeit zur Erstbeurteilung zurück.
Von Kopf bis Fuß
Erkläre dein Vorgehen. Untersuche dann von oben nach unten: Kopfhaut und Gesicht, Ohren und Nase (Blut oder klare Flüssigkeit), Augen und Pupillen, Mund, Hals, Schlüsselbeine und Brustkorb, Bauch, Becken, Rücken sowie jeden Arm und jedes Bein. Schau nach Wunden, Schwellungen, Fehlstellungen und Hautfarbe; taste vorsichtig nach Druckschmerz. Prüfe einen vermuteten Bruch nie durch Bewegung und rüttle nicht am Becken. Vergleiche links und rechts. Decke nur die untersuchte Stelle auf, danach wieder zu. Suche auch unter dem Verletzten nach Blut. Notiere jeden Befund mit Körperstelle und Uhrzeit.
Die Anamnese: SAMPLE
Frage den Verletzten, Zeugen und andere Besatzungsmitglieder. SAMPLE ist eine Merkhilfe für die Anamnese, also die Vorgeschichte: Symptome und Zeichen, Allergien, Medikamente, Patientenvorgeschichte, Letzte Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, Ereignisse vor dem Vorfall. Frage bei Schmerzen nach Ort, Beginn, Art und Ausstrahlung. Lass sie auf einer Skala von 0 (keine Schmerzen) bis 10 (stärkste vorstellbare Schmerzen) einstufen. Frage gesondert nach der Urinmenge.
Vitalzeichen und Normalwerte
Vitalzeichen zeigen, wie der Körper zurechtkommt: Puls, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, Blutdruck, Temperatur, Bewusstsein und, falls ein Messgerät an Bord ist, Blutzucker. Bei gesunden Erwachsenen in Ruhe liegt der Puls etwa bei 60–100 pro Minute, die Atemfrequenz bei 12–20 pro Minute, die Sättigung bei 95–100 % und die Temperatur bei etwa 36,5–37,5 °C. Der Blutdruck liegt oft um 120/80 mmHg; notiere beide Werte. Wiederhole die Messungen und trage sie mit Uhrzeit ein. Der Verlauf zählt.
Bewusstsein: AVPU und GCS
Nutze AVPU zur schnellen Prüfung; die Grundlagen stehen in Funkärztliche Beratung. Die Glasgow-Koma-Skala (GCS) bewertet Augenöffnung (4 spontan, 3 auf Ansprache, 2 auf Druckreiz, 1 keine), Sprache (5 orientiert, 4 verwirrt, 3 unpassende Wörter, 2 unverständliche Laute, 1 keine) und Bewegung (6 befolgt Aufforderungen, 5 gezielte Abwehr eines Druckreizes, 4 Zurückziehen, 3 abnorme Beugung, 2 starre Streckung, 1 keine). Melde jeden Teilwert und die Summe von 3–15. Bei 8 oder weniger sind die Atemwege stark gefährdet: Überwache die Atmung ständig und hole dringend ärztlichen Rat.
2Wichtige Daten
- Reihenfolge
- Erstbeurteilung (<C>ABCDE), dann Zweituntersuchung
- Anamnese
- SAMPLE: Symptome, Allergien, Medikamente, Vorgeschichte, letzte Aufnahme, Ereignisse
- Erwachsene in Ruhe
- Puls 60–100/min; Atmung 12–20/min; Sättigung 95–100 %
- Temperatur
- Etwa 36,5–37,5 °C; Messort notieren
- GCS
- Augen 1–4, Sprache 1–5, Motorik 1–6; Summe 3–15
- GCS 8 oder weniger
- Atemwege gefährdet: sichern, dringend funkärztlichen Rat holen
3Kernpunkte
- 1
Zuerst die Erstbeurteilung; beginne die Zweituntersuchung erst, wenn Lebensgefahren beherrscht sind.
- 2
Untersuche von Kopf bis Fuß: schauen, tasten, Seiten vergleichen, auch Rücken und Unterseite prüfen.
- 3
Erhebe die Anamnese mit SAMPLE und bewerte Schmerzen von 0 bis 10.
- 4
Trage Vitalzeichen mit Uhrzeit ein: Der Verlauf zählt mehr als ein Einzelwert.
- 5
Melde die drei GCS-Teilwerte und die Summe; bei 8 oder weniger sind die Atemwege gefährdet.
4Häufige Fehler
Falsch: Beginne die Untersuchung von Kopf bis Fuß sofort beim Eintreffen.
Richtig: Behandle zuerst lebensbedrohliche Blutungen und Probleme mit Atemwegen und Atmung. Danach folgt die Zweituntersuchung.
Falsch: Einmal normale Vitalzeichen bedeuten, dass es dem Verletzten gut geht.
Richtig: Miss wiederholt und dokumentiere. Ein steigender Puls oder sinkender GCS kann das erste Zeichen einer Blutung oder Hirnverletzung sein.
Falsch: Nenne beim funkärztlichen Gespräch nur die GCS-Summe.
Richtig: Nenne auch Augenöffnung, Sprache und Motorik: E2 V2 M5 und E4 V1 M4 ergeben beide 9, bedeuten aber Unterschiedliches.
5Praxisfall & Prüfungstipps
Ein Decksmann ist im Laderaum etwa 2 m von einer Leiter gestürzt. Die Erstbeurteilung ist unauffällig: Atemwege frei, Atmung 18 pro Minute, keine starke Blutung, wach. Er hat Schmerzen links am unteren Brustkorb und im linken Handgelenk. Was tust du als Nächstes?
Antwort zeigen
Beginne die Zweituntersuchung. Halte Kopf und Hals dabei ruhig, denn der Sturz könnte die Wirbelsäule verletzt haben. Untersuche von Kopf bis Fuß: Die unteren linken Rippen sind druckschmerzhaft, das Handgelenk geschwollen und fehlgestellt. Erhebe eine SAMPLE-Anamnese. Notiere Puls, Atmung, Sättigung, Blutdruck und GCS mit Uhrzeit und miss alle 15 Minuten erneut. Hinter verletzten unteren linken Rippen kann ein Milzriss stecken. Hole mit diesen Befunden funkärztlichen Rat.
Prüfungstipps
- Zuerst Erstbeurteilung (<C>ABCDE); Zweituntersuchung von Kopf bis Fuß, sobald Lebensgefahren beherrscht sind.
- SAMPLE: Zeichen und Symptome, Allergien, Medikamente, Vorgeschichte, letzte Aufnahme, Ereignisse.
- Erwachsene in Ruhe: Puls 60–100, Atmung 12–20, Sättigung 95–100 %, Temperatur etwa 37 °C.
- GCS 3–15: Augen 1–4, Sprache 1–5, Motorik 1–6; bei 8 oder weniger sind die Atemwege gefährdet.
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